07.09.2019
Für diesen Tag heute und alles, was geschehen ist, gibt es einfach kein Wort, was dem annähernd gerecht werden könnte. Aber der Reihe nach.
Heute aber, heute wollen wir Wale sehen. Wir packen unsere Sachen und laden alles ins Auto und bevor wir zum Wale gucken fahren, besuchen wir ein entzückendes Cafe im Ort, was selbst gemachte Seifen und allerlei Lieblichkeiten verkauft. Dann gehts in Richtung Walsafari und weil die Sonne scheint und sich das Wetter von der besten Seite zeigt, wird noch ein Strandspaziergang eingebaut mit einem Regenbogen, der gar nicht mehr aufhören will zu leuchten.


Dann sammeln wir uns mit all den anderen Waltouristen und erfahren, daß es unsicher ist, ob wir überhaupt rausfahren können, weil die Wellen auf dem Meer zu hoch sind. Das war ja so nicht geplant, wir verstehen es auch nicht so richtig, weil das Wetter zumindest an Land echt gut ist, die Sonne scheint ab und zu mal zaghaft und der Wind ist nicht so stark, aber nun gut, über dem Meer herrscht anderes Wetter und wir beschließen einfach, daß wir etwas später fahren, aber nicht, ob wir fahren. Nicht mit uns. Dann steigt die Spannung und alle stehen erwartungsvoll da und das Schicksal meint es gut mit uns, in einer Stunde legt das Boot ab. Und zwar mit uns, die wie die meisten anderen Touristen echt dick eingepackt sind und auch mit der Besatzung. Norwegische Seebären. Im T-Shirt, mit alkoholindizierten Knollnasen, aber der Anblick beruhigt mich, denn die wissen sicher, was sie tun, ein verpickelter, flaumbärtiger Kapitän hätte da doch echt Unbehagen ausgelöst. Mit zwei langen Unterhosen, diversen Wollsachen, Daunenjacke und Hardshelljacke oben drüber geht’s raus auf´s Meer und bereits auf der Waltour im Juni war Seegang, aber gestern noch mehr. Ich bin zum Glück seefest und habe sogar Spaß daran, wir stehen am Bug und eine Hand irgendwo am Boot zu haben ist eh verpflichtend, aber ab und zu müssen es beide Hände sein und die Schiffsbewegungen müssen tatsächlich mit den Beinen ausgeglichen werden, macht man ja eh automatisch, aber nun muss es einfach sein. Ein Blick nach hinten zum Kapitän macht erst deutlich, als ich das Kajütenhäuschen sehe, wie sehr wir schaukeln. Meinem Magen macht das nichts, aber mein Verstand meldet, daß dieser Neigungswinkel nicht mehr in Ordnung sein kann. Ich guck einfach wieder nach vorn, in die Wellen und beschließe, daß mich das hinter mir nichts angeht.

Bald schon meldet der, der ganz oben auf dem Boot sitzt und dessen Aufgabe es ist, mit diesem „Wallauschgerät“, mit dem er die Klicklaute hören kann, die die Pottwale zur Orientierung nutzen, unsere begehrten Beobachtungsobjekte ausfindig zu machen, Erfolg und er hat recht. Schon bald taucht ein Pottwal auf, ein schelmisches Exemplar, wie sich herausstellt. Der Wal lässt uns bei jedem Ausatmen seine Fontäne sehen, ist sonst eher schwierig zu sehen, weil sich immer wieder hohe Wellen dazwischen schieben, aber dann täuscht er seinen Tauchgang an und das Kommando „Diving!“ ertönt und alle sind in absoluter Erwartung auf das Spektakel, wenn man die Fluke zu Gesicht bekommt. Aber da haben wir die Rechnung ohne den Wal gemacht, der hat uns veräppelt. Der hat sich nur ein bißchen unter die Wasseroberfläche sinken lassen und taucht nach einigem Warten noch einmal auf. Und macht tatsächlich das gleiche Spiel nochmal. Uff, irgendwie blöd, die Fluke ist doch das Highlight! Die nette Crew sagt durch, daß wir diesen Wal verlassen, weil sie nicht genau wissen, wieso der sich so verhält, aber wir wollen ihn nicht weiter verunsichern. Das Horchgerät verspricht in kurzer Entfernung einen weiteren Wal und dort tuckern und schaukeln wir hin. Alle halten gespannt Ausschau, wann er wohl wo auftauchen wird und dann ist er da, relativ weit weg und wir kommen nicht so richtig nah, daß ich davon brauchbare Photos machen könnte, aber da das ja meine zweite Walsafari ist, bin ich eh entspannter und kann viel besser den Anblick mit den eigenen Augen genießen. Dieser Wal ist so freundlich, im Glanz der Sonne, der auf der Wasseroberfläche schimmert, abzutauchen und zwar nach Pottwalmanier. Diving – Fluke hoch – phantastisch! Wir glauben schon, okay, das war es jetzt, wir drehen jetzt bestimmt um und fahren zurück, gerade weil auch einige an Bord intensiv Kontakt mit ihrer Kotztüte aufgenommen haben, aber zum Leidwesen für die und zum Glück für uns hat der Wallauschbeauftragte noch was aufgetan und dieser Wal, so verraten uns die Guides, ist ein noch sehr kleines Exemplar und der ist wohl so eifrig und übt vermutlich noch die perfekte Show, daß ihm heute alles gelingt. Es war ein Bilderbuchabtauchen und es war einfach ein unglaublicher Anblick, vielen Dank, Du Superwal, Du wirst mal ein ganz Großer!!!





Zufrieden schippern oder besser gesagt hopsen wir über die Wellen zurück, es wird Suppe serviert und die ist echt schwer zu trinken, mindestens ein Arm mehr wäre von Vorteil gewesen, aber das ist ja altbekannt in der Welt der Pflegenden.

Nun sind wir ziemlich spät dran um zu unserer neuen Unterkunft zu fahren und steigen direkt in Meta Luise und sausen los. Und dann tritt Angelikas Zauberspruch in Kraft mit den Worten „Wenn ich ein Elch wäre, ich würde hier an dieser Straße spazieren gehen.“ Aha, denke ich noch. Sie wünscht sich natürlich einen Elch zu sehen, aber ich war so skeptisch, ob das auf einer Insellandschaft passieren würde, wollte aber keine Hoffnung rauben und das muss ich auch nicht. Zack, da überquert ein Prachtexemplar die Straße. Weit genug für uns weg, daß wir sicher zum stehen kommen, er trabt über die Wiese und schaut interessiert zu uns rüber, präsentiert seinen Kopf von vorn und im Profil und steht einfach lang genug da, daß man ihn ausgiebig bestaunen kann. Angelika ist hochzufrieden und ich bin sprachlos.
Nachdem wir uns mehrfach versichert haben, daß das ja wohl nicht zu glauben sei, beschließe ich zum einen, mehr mit Angelika zu verreisen und zum anderen beschließen wir, daß heute unser Tag ist und wir jetzt zur Unterkunft fahren und dann Polarlicht sehen. Das war der Plan. Und an den haben wir uns gehalten.
Endlich kommen wir an unserer Villa Kunterbunt an, über die es bald einen Beitrag geben wird und wir werden vom bezauberndsten Gastgeber Norwegens empfangen, er hat schon mal den Kamin angeheizt, ob uns das recht wäre? Außerdem beantwortet er unsere Frage, ob er glaubt, daß wir eine Chance auf Nordlicht haben, so überzeugend, daß wir es auch glauben (wollen). Das Haus ist so entzückend und wir sind müde, wollen essen und duschen und Eindrücke verarbeiten und so legen wir auch trotz fortgeschrittener Stunde los, wir kochen und essen und stoßen mit vom Vermieter selbstgebrautem Bier auf den famosen Tag an. Dann gehts so ein bißchen ans Klamotten reinholen und ich will nochmal zum Auto, eigentlich eher um am Himmel zu gucken, ob sich was tut, denn von drinnen sieht man nur Dunkelheit. Ich gehe raus und bin nicht sicher, was für ein Lichtschein hinter dem Berg das ist, meine erste Assoziation ist der Laserstrahl einer Disco, aber der Verstand sagt nein. Das Licht verändert sich und ich hole sicherheitshalber mal Angelika aus der Dusche, die Arme steht da im Handtuch mit nassen Haaren, aber wie viele Menschen können schon von sich behaupten, daß sie das Nordlicht halbnackt gesehen haben? Und dann beginnt es am Himmel zu tanzen. Das ist eigentlich die schönste Ausdrucksweise dafür. Es bewegt sich auch viel schneller als ich es für möglich gehalten hätte. Wir schnappen uns die Terrassenstühle und schauen in den Himmel, sind überwältigt, probieren uns an Photos und lassen uns von dem Moment verzaubern. Unser erstes Nordlicht! Und was fast genau so schön ist, ist, daß ich das in Gesellschaft erlebe. Ich bin fassungslos. Wir beide. Was für ein Tag!! So ganz trauen wir uns nicht ins Bett, nachdem die grünen Tanzwesen vom Himmel verschwunden sind, ist es nicht so dunkel wie vorher und wir Nordlichtneulinge wissen nicht so recht, was jetzt zu tun ist. Sicherheitshalber wickeln wir uns nochmal in Decken und darunter auch mehr Klamotten und schauen nochmal, aber nochmal will es nicht und das ist auch gut so, wir sind noch immer mit verarbeiten beschäftigt und fallen müde, beeindruckt und glücklich ins Bett. Diesen Tag in einem Wort zu beschreiben – das erscheint mir unmöglich!



