Nach dem tollen Sonnenuntergangserlebnis sitze ich noch fröhlich in Meta und mache es mir mit Lichterkette gemütlich und kann am nächsten Morgen sogar erstmalig die Kofferraumklappe aufmachen und endlich mal vom Bett aus den Ausblick, die Ruhe und das Ich-schlafe-im-Auto-Gefühl genießen.
Der Vormittag ist warm, leicht bewölkt, ich komme einfach nicht vom Lesen und Cello spielen los, wer weiß, wann das das nächste Mal geht, aber nach und nach kommen die ersten Leute an, die dort wandern wollen, was mich dann auch dazu bringt, die Stiefel zu schnüren. Ein Felsplateau ist das Ziel und es ist echt anstrengend, ich muss mehrmals Pause machen, denke über umdrehen nach, aber ich treffe zweimal Leute, was mich dann doch motiviert, weiterzugehen. Oben angekommen kann ich mich in der Sonne ausruhen, aber so eine richtige Freude ob des Ausblickes will sich irgendwie nicht einstellen.
Hierher zu fahren war für die Wetterflucht irgendwie eine gute Alternative, aber eigentlich ist es mir zu grün. Ich wollte in schroffer Landschaft sein, ich mag es, wenn Schnee dabei ist, wenn man die Baumgrenze hinter sich lässt und über Blockfelder geht…
Am Abend regnet es und auch am nächsten Morgen und ich beschließe, schon am Sonntag nach Hause zu fahren. Es ist nicht schlecht hier, viel wärmer, aber eben nicht, was ich will und was ich vorhatte. Ich setze aufs nächste Jahr und lasse mich derweil in Hamburg braten…
Ich fahre gestern Abend noch so weit ich komme, der Regen wird weniger und ich schaffe es sogar, mir was zu Essen zu kochen, neuen Tee und was man eben so macht draußen am Kocher und danach suche ich mir einen schönen Schlafplatz. Das ist leicht, ich bin noch im Landesinneren, in der westlichen Telemark, und es ist dünn besiedelt. Das Tolle aber ist: Ich schlafe nicht im Pullover, nein, einfach nur in Hose und Langarmshirt und die zusätzliche Wolldecke ist am Morgen weggewühlt. Das kann nur eins bedeuten: es ist (norwegisch-) tropische Hitze!
So ist es auch, ich stehe auf und kann kurzärmelig laufen!!! Und barfuß! Du lieber Himmel, bin ich mit Meta übers Ziel hinaus geschossen? Es ist herrlich, ich frühstücke, übe Cello und freu mich. Dann fahre ich die letzte Strecke ans Meer und brauche für 240 Kilometer 6 Stunden. Da kommt Freude auf. Ein Unfall versperrt die Straße, alle müssen umdrehen und die Umgehungsstraßen sind nicht so dicht vernetzt wie in Deutschland. Na gut, nützt ja nix. Nach 20 Minuten der nächste Unfall und auch diese Straße dicht. Hm… ich muss ans Meer, koste es, was es wolle. Es kostet mich hauptsächlich Geduld, aber Meta macht das schon und ich helfe Tori Amos fleißig beim Singen und dann sind wir irgendwann da.
Empfangen werden wir im strahlenden Sonnenschein und ich schnappe Buch, Handtuch, Sonnencreme (!) und sitze stundenlang am Strand und lese. Ich gebe zu, nur mit den Füßen im Wasser gewesen zu sein, der Wind briest ganz schön, aber ich hab jetzt ja noch etwas Zeit um den immer noch jungfräulichen Bikini vom letzten Jahr einzuweihen. Ich bleib dran!
Jetzt am Abend suche ich mir als Schlafplatz einen klitzekleinen Hafen, den kein Tourist kennt und teile mir das Sonnenuntergangserlebnis mit 2 Einheimischen, die sich aber weit verstreuen und so jedem seine Imagination lassen, allein zu sein. So toll. Seht selbst. Ich bin zufrieden. Das war echt knapp, gestern hab ich ehrlich in Erwägung gezogen, früher nach Hause zu fahren, aber jetzt bleib ich hier. Mit Freuden.
Es nervt. Es regnet, schon die ganze Nacht. Das hat auch die Vorhersage so gesagt: heute Regen – überall und immer. Die olle Trutsch vom Wetterbericht hatte recht.
Vorbei die genußvollen Z-/Seiten des Campingplatzes, aber ich hatte es zumindest den gestrigen Abend noch schön, konnte meine Handtücher nach einer famosen Dusche schon mal trocknen lassen und draußen essen. Der Campingplatz hatte nämlich keine Möglichkeit, sich irgendwo wettergeschützt hinzusetzen, so daß der Unterschied für mich nicht so groß ist, auf einem Campingplatz oder frei irgendwo zu stehen, so oder so muss ich mich in Meta falten.
Heute morgen also nur fix Zähne putzen und aufs Klo, immerhin das im Trockenen, aber auf Frühstück draußen hatte ich keine Lust. Also breche ich auf und fahre los. Ich habe mir überlegt, in den norwegischen Süden zu fahren. In diesem Urlaub, wie in diesem seltsamen Jahr, scheint ja der Wurm zu stecken, vielleicht ist es ja auch gar nicht möglich, einen zufrieden machenden Urlaub dieser Zeit zu erleben? Hier oben klappt es für mich schon mal nicht, aber ich gebe nicht auf, ich fahre ans Meer, das hilft ja in den meisten Lebenslagen. Und weil es heute aller Orts nur regnen soll, ist das ja auch der ideale Tag um Strecke zu machen.
Dachte ich. Das Wetter kann noch schlimmer. Nämlich so schlimm, daß die Scheibenwischer von Meta Luise nicht mehr hinterher kommen. Sie strengt sich an wie ne Große, aber es reicht nicht, mit 30 km/h kriechen wir dahin, weil wir sonst nichts sehen und sind so einfach nur ein Hindernis für die anderen. So fahren wir ran und warten. Dann wirds weniger Regen, jetzt kommt der Nebel (oder Wolken, weiß nicht genau, wir sind ja ziemlich hoch). Doller Tag. Ich bekomme Hunger, aber ich will nicht aussteigen.
Gegen Mittag kann ich es nicht mehr aushalten, das Cello und ich tauschen in Windeseile die Plätze und es gibt Notfrühstück in Meta. Es mag so gemütlich aussehen, ist es aber nicht. Draußen schüttet es und ich will einfach nicht aussteigen um den Kocher anzuschmeißen.
Ich seh´ nix…
In der nächsten Stadt halte ich am Second-Hand-Shop an und kaufe mir noch ein paar Bücher, habe zu wenig Lesestoff mit, ich wähnte mich mehr draußen in der Natur.
Nicht mein Tag. Ich fahre weiter. Habe noch ne ganze Ecke vor mir, das Meer ruft…
Ich hab beschlossen, ich hau hier ab. Dann eben ohne Gipfeltour, ohne Zelttour, ohne Moschusochsen. Ich hab den kürzesten Norwegenurlaub, den es jemals gab und keine Zeit zu verplempern mit frieren und mich vollregnen lassen. Ich bin in die Rondane gefahren, ebenfalls ein norwegischer Nationalpark, den ich auf dem Hinweg schon touchiert habe und aus dem ich vor Jahren mal völlig konsterniert abgehauen bin, weil hier alles zu grün, zu weich, zu lieblich war und ich mich dann im schroffen Jotunheimen zuhause fühlte. Jetzt allerdings ist wohl genau der richtige Zeitpunkt für Liebreiz und höhere Temperaturen und kaum schmeißt Meta ihren Motor an, reißt der Himmel über uns auf und es scheint die Sonne. Zu spät, wir hauen ab.
Die ganze Fahrt über scheint es also fröhlich weiter und in irgendeiner Parkbucht halte ich dann mal an, denn es sind über 10 Grad – juhu! Ich könnte ein rauschendes Fest feiern, aber erstmal will das Cello raus. Gesagt, getan. In der Parkbucht an der Straße durch den Nationalpark. Man sucht es sich nicht aus, wann es möglich ist, aber die Frage ist ja die, ob das jetzt «Straßenmusik» in der ursprünglichsten Bedeutung ist?
Und übrigens – wer jetzt Lust bekommt, dieses wunderschöne Instrument zu spielen und obendrein noch in Hamburg wohnt, dem sei die fabelhafte Cellistin Lisa Malinski als Lehrerin ans Herz gelegt. Danke, Lisa! https://m.facebook.com/LisaMalinskicello/
Der nächste Zeltplatz gehört uns, hier ist niemand an der Rezeption, sowieso alles ganz überschaubar und von Coronaregeln keine Spur. Ich nehme also mal an, daß ich hier für eine Nacht verweilen darf, denn wenn ich mich recht entsinne, habe ich die Norweger ja eher als kleine Hygieneschweinchen kennenlernen dürfen. Der Betreiber des Campingplatzes von heute früh war bestimmt n Deutscher 😉
Ich brauche einen Plan und zwar einen neuen. Der ursprüngliche Plan, die Snøhetta einmal zu umrunden und einmal drauf zu kraxeln, hat sich irgendwie im Laufe der Nacht verflüchtigt. Es ist nämlich, ihr ahnt es schon, kalt. Arschkalt. Zu kalt zum zelten. Ich friere selbst in Meta, schlafe mit dickstem Wollpulli, drei Paar Socken und Wolldecke noch über der normalen Decke. So geht´s einigermaßen. Aber wenn ich mir überlege, ich soll bei 3 Grad nachts draußen zelten, kann ich kein Fünkchen Begeisterung mehr in mir finden.
Ist aber nicht alles schlecht, so ja nun auch nicht. Ich werde nämlich von einer Schafsherde geweckt, die links und rechts an Meta vorbeizuckelt und Gras mümmelt und mich mit ihren klingenden Glocken aufweckst. Ich muss zugeben, daß mich das sehr verwirrt hat, denn unter meiner Schlafbrille war ich fest der Überzeugung, ich würde zuhause in der Gilbertstraße wach werden, denn da hängen auf dem Balkon eben auch diese Schafsglocken und noch nie hat der Wind geschafft, die so fein erklingen zu lassen als hätte sie ein Schaf um den Hals. Ich wundere mich noch im Aufwachen, aber kaum ist die Schlafmaske aus meinem Gesichtsfeld, weiß ich wieder, was das alles soll. Prima! Nichts wie raus, es regnet nicht! Yeah. Ich will also raus und das trockene Wetter ausnutzen und die Prioritätenliste für alles, was ich außerhalb von Meta machen muss, führt gerade das Cello an. Noch im rauswinden aus Meta kommt mir ein Schwall so kalter Luft gepaart mit Wind entgegen, daß ich wohl mal nen Blick aufs Thermometer werfe: Okay – 6 Grad. Mir ist kalt, vor allen an den Fingern, das Cello bleibt drin. Ich weiß nicht genau, wie es 6 Grad Außentemperatur findet, ich lass es mal lieber weiter in seinem schönen Köfferchen vor sich hinmuckeln, schade. Dann mach ich eben Frühstück und das ganze mit Handschuhen. In guter norwegischer Manier, man, kann es denn wahr sein?
Pünktlich zu den letzten Zügen des Frühstücks fängt es an zu regnen und ich starre beleidigt auf die Wetterapp, die das mit keiner Silbe erwähnt. Nun ja, es bringt alles nichts, außerdem ist es kalt, ich fahre mal den nächsten Zeltplatz angucken, denn ich muss Wasser auffüllen und könnte mir den als Anlaufstelle für heute Abend vorstellen, ich würde nämlich gern mal duschen. Dort erfahre ich, daß man wegen Corona nen Mindestaufenthalt von 4 Tagen haben muss. Hm, ungünstig. Caravans dürfen die Sanitärgebäude gar nicht nutzen, ich dürfte, aber eben nur bei 4 Nächten. Das Duschen und der Campingplatz fällt schon mal aus. Auch dafür muss ein neuer Plan her…
Dem Regen und auch der hygienischen Hiobsbotschaft zum Trotz fahre ich mal nach Kongsvoll, einem Hauch von Nichts mit einem eigenen Bahnhof und einem Berggasthof mit Hotel. Hier wollte ich ursprünglich mal die Rundtour starten, mache mich nun aber auf den Weg auf eine kleine Wanderung auf den Fährten der Moschusochsen. Ich soll Abstand halten, will ich ja auch unbedingt, schön wäre, wenn die das auch wollen. Dann mal los. Es geht am Bahnhof vorbei mit wohl dem schönsten Bahnhofsgebäude, was ich kenne. Ich finde, das muss es doch als Miniaturbahnhof geben für Modellbahnliebhaber, oder?
Ich soll die Moschusochsen nicht stören – ja bin ich denn bekloppt?
Ich hatte ursprünglich den Plan gefasst, die ganze Wanderung über vor mich hin zu singen, damit wenigstens die Moschusrinder schon mal Bescheid wissen, daß da jemand kommt und nur ich mich erschrecke, aber mein Stimmchen versiegt schnell und geht in keuchendes, kollaptisches Gejapse über. Es geht steil los und ich bin in schlechter Form, ich keuche nur noch, das muss dann eben auch reichen um das Großvieh zu warnen. Aber ich sehe eh keins, habe sogar mein Fernglas bei, aber nur einmal entdecke ich etwas, was aber so weit weg ist, daß ich selbst durchs Vergrößern nicht sicher bin, ob das was ist, ich bilde mir ein, es hätte sich bewegt und damit kann ich mir jetzt aussuchen, ob ich eins gesehen hab oder nicht. Ich bin für: vermutlich ja. Wenn die so weit weg sind, besteht ja gar kein Grund zur Sorge. Inzwischen bin ich etwas eingelaufen und hab auch Spaß an der Landschaft, so schöne Weite und sonst nichts. Aber Pausen gibt es nicht, es bläst ein eisiger Wind, die Handschuhe verschmelzen schon mit meinen Händen, ich setz mal noch ne Kapuze mehr auf und mache mich nach drei Stunden auf den Rückweg.
Yeah. So muss das sein.
An Meta angekommen ist mir so eisekalt, daß ich fahren muss. Eigentlich müsste ich nirgendwo hin, denn ich bin ja schon da, wo ich sein will, aber heißen Tee trinken bringt gefühlt gar nichts, ich friere, also fahre ich eben und lass mich warmpusten. Und wo es schon mal nicht mehr regnet, jedenfalls nicht erwähnenswert, fahre ich nach Hjerkinn, dort gibt es einen echt aufwändig und schönen gemachten Aussichtspunkt auf die Snøhetta, ein schniekes Holzgebäude mit Glasfront und Kamin und drinnen ist es soooo warm! Wegen Corona auch mit «Einlasser» und nem Desinfektionsmittelspender. So schön die Hütte ist, der Gipfel hängt in Wolken und lässt sich nicht blicken, ich muss mir einen Plan machen, ob ich wirklich da hoch oder auch rund rum muss. Unlängst erfuhr ich nämlich folgenden Kommentar, nachdem ich meine Urlaubspläne bekannt gab: «Du weißt schon, daß Du das nicht machen musst, ne?» Irgendwie so war es und ich dachte mir noch so «Mädels, ihr habt doch keine Ahnung, was gut ist.» Ich bin so weit, einzuräumen, daß die Mädels vielleicht sogar besser wissen, was gut ist und was nicht… Ich hab Lust auf ein paar Grad mehr, Sonne dürfte von mir auch aus sein. Ich mach für heute Schluß und tüftele was aus.
Meta Luise und ich sind wieder unterwegs und weil von mehreren Seiten die Bitte nach Photos laut wurde, nutze ich dafür nochmal den eigentlich abgeschlossenen Blog vom letzten Jahr.
Vor 2 Tagen ging es los, spät am Abend erst, denn die dänische Grenze durfte erst nach Mitternacht überquert werden, weil ich coronabedingt nicht übernachten durfte und da man in Dänemark nicht wild campen darf, wäre ich mit meinem Hinweis auf das brilliante Isolationsnordkappmobil (was Meta nicht alles kann, irre!) wohl nicht weit gekommen. Ich fahre also am Abend schon mal wenigstens bis kurz vor Flensburg, weil ich im Dunkeln so angestrengt bin beim Auto fahren und vertreibe mir die Zeit auf einem Rastplatz mit slacklinen und natürlich schlafen. Dann kann ich endlich „rübermachen“ und quäle mich schlaftrunken bis an die dänische Spitze um dort am Morgen die Fähre nach Norwegen zu nehmen.
Die Fähre und Coronaregeln – ich sag nix. Ich habe mir auch eine Lautsprecherdurchsage, die die Kinder an Bord zum Animationsprogramm einlädt, hoffentlich nur eingebildet. Denk ich ma`.
Neue Reisebegleitung ❤
Inzwischen bin ich angekommen im Dovrefjell und morgen oder übermorgen gehts dann hoffentlich los mit der Umrundung und Gipfeltour der Snøhetta, dem höchsten Berg der Region, so es denn aufhört zu regnen. Das warte ich mal ab, denn das Ganze geht als Rucksack- und Zelttour und es ist zwar immer angenehmer ohne Regen, aber da besonders.
Es
ist geschafft: Seit nun mehr zwei Wochen bin ich wieder zuhause und
Meta Luise kann sich zu Recht brüsten und mit stolz geschwellter
Motorhaube verkünden, daß sie 11.718 Kilometer großartig
zurückgelegt hat.
Die
Rückfahrt verlief äußerst luxuriös. Auf der Fähre von Trelleborg
nach Travemünde gab es zum krönenden Abschluß des Abenteuers
nämlich ne Meerblickkabine, wovon ich aber den größten Teil in der
Dusche zugebracht habe mit allem, was man da so machen kann. Und zwar
ausgiebig. Am Liebsten doppelt. Wie schade, daß man nur 20 Nägel
insgesamt hat. Aber Mittagsschlaf mit Blick aufs Meer ist auch nicht
schlecht.
Travemünde
Und
Deutschland gibt sich Mühe, bei der Einfahrt in Travemünde bin ich
ganz touristisch ergriffen und innerlich silvestermäßig drauf mit
oooooh-aaaaah wie schööön. Die Fahrt nach Hause auf einer echten
Autobahn lässt mich allerdings schnell erahnen, in was ich hier
hineingerate. Ich will der Verkehrssituation zugute halten, daß kein
Stau war, aber zähfließender Verkehr und zwar mit so vielen
Verkehrsteilnehmern, wie ich Menschen insgesamt in den letzten
Monaten gesehen habe. Die Anfangszeilen des Silly-Songs „Höhle“
passen perfekt. Und auf der Autobahn beginne ich mit meiner
Eingewöhnungsstrategie, die da lautet Verdrängung auf oberstem
Niveau.
Es
sind einfach zu viele Autos um mich, zu viel ist los und so schaffen
Meta und ich das bis nach Hamburg, indem wir uns einreden, daß wir
allein hier sind, alle anderen existieren nicht, kleiner Spaß auf
meiner Netzhaut. Klappt ganz gut. Und dann gehts durch die Stadt.
Anders geht es nicht. Zum Glück ist Sonntag Abend, es wäre mir
werktags im Berufsverkehr nicht gelungen, das zu bewältigen. Und
dann bin ich auch schon fast da, wir biegen in heimische Gefilde ein
und auf St. Pauli sieht es doch so schön aus als wir um die Ecke
kommen: Es ist ein lauer Sommerabend, ganz viele Leute sitzen
draußen, schöne Stimmung und ich denke so etwas wie „Hach, wie
schön, wieder hier zu sein.“ Die erste kümmerliche Gestalt, die
nach übertriebenem Genuß fragwürdiger Substanzen dann allerdings
vom Fahrradständer zu kippen droht läßt mich kurz zweifeln, ob es
immer noch so toll ist hier, aber der Verdrängungsmechanismus greift
und dann kommt das Hamburger Willkommensgeschenk: ein Parkplatz. Am
Sonntag Abend. Eingefleischte wissen, daß es nicht mit rechten
Dingen zugeht, wenn sich einem so ein Anblick bietet… Seltsam, aber
euphorisch saust Meta in die Lücke, auch sie hat es offenbar nicht
vergessen, daß es in so einer Situation keine Freunde gibt. Rein.
Motor aus. Freuen.
Bis man im zweiten Stock ankommt, dauert es auch, denn schon im ersten wird gehalten um mit der ersten Nachbarin zu plaudern, aber dann will ich doch mal in die Wohnung, deren Tür ich Mitte Mai hinter mir zuzog. Die beste Mitbewohnerin der Welt ist im Urlaub und so ist die Überraschung groß als eine Kinderriegelspur zum Küchentisch mit Willkommensgruß, Vollkornbrot (!) und Blumen führt und einer Abendessenköstlichkeit im Kühlschrank, wie sie besser nicht hätte sein können. Das ganze wird im dünnen Pullover auf dem Balkon verspeist und ich genieße meine Oase in der großen Stadt.
Die erste Nacht im eigenen Bett war allerdings nicht so dolle. Ich bin entwöhnt von alkoholbedingten Ständchen, von Hundegebell, von Rumgepöbel und cornerndem Volk. Ich wache gefühlt bei jedem Geräusch auf und noch im schlaftrunkenen Zustand versucht mein Gehirn die gehörten Töne einem passenden Geräusch aus der Natur zuzuordnen, was mißlingt und ich nehme an, das ist der Grund wieso ich so oft aufwache.
Am nächsten Tag das Unglaubliche: Es ist warm. Ich habe offene Schuhe an! Das erste (und einzige) Mal in diesem Jahr, aber immerhin! Und außerdem ziehe ich mir beim nächsten Nachbarinnenkaffeeklatsch auf dem Balkon einen Sonnenbrand zu, über den ich mich nicht weiter unterhalten möchte. Am 23. September kann man sich wohl nur verbrennen, wenn man vorher weit oben im Norden rumgedümpelt ist…
Das sonstige Einleben war und ist noch immer eigenartig, obwohl es besser wird jetzt, wo zwei Wochen hinter mir liegen. Zu Beginn hab ich tatsächlich gemerkt, daß es mich anstrengt, mehrere Stunden mit jemandem zu verbringen und einfach zu interagieren. So viel reden oder zuhören, das bin ich nicht gewohnt. Neue Regel für die ersten Tage: Eine Verabredung am Tag reicht aus. Und dann muß ich ja auch mal gucken, was so draußen los ist. Ich bummel also mal in altbekanntem Gebiet und merke auch da, daß es viel zu voll ist, viel zu viele Menschen sind um mich rum und um mich noch besser in eine kleine „Hier-bin-doch-nur-ich-Blase“ einzukapseln benötige ich unbedingt Kopfhörer sobald ich das Haus verlasse. Mit dank Spotify neu entdeckter Musik lässt sich alles viel besser ertragen und ich habe irgendwie eine Abgrenzung zu den anderen, wenn ich auch nicht ausschließen kann, daß ich ab und zu mitsinge. Aber was soll´s, hier gibt es so viele merkwürdige Gestalten, da fall ich nicht weiter auf.
Stadtflucht.
Und so wird nach und nach alles entdeckt, auch per Rad. Mit beiden Rädern aus meinem Fuhrpark fühlt es sich so an, an würde jemand am Gepäckträger ziehen und sich mit den Hacken in den Boden stemmen, daß ich bloß nicht vorwärtskomme. Die erste Radtour musste abgekürzt werden und eine Elbfähre hat mich nach Hause gebracht, die Form hat gelitten und die Mitgliedschaft im Sportstudio ist schon am ersten Tag wieder erneuert, juhu. So entdecke ich auch alte Schlaglöcher, die seit Jahren drauf aus sind, Fahrradreifen zu fressen und sogar andere Stellen, die ich automatisch umfahre, die ausgebessert wurden, guck an! Auch die Frau im Drogeriemarkt am Bahnhof, die dort ab und an beim kassieren zu sehen ist, ist noch da und das ist schön, denn wer nämlich auf naturrote Haare bei Frauen steht, dem sei eine Tour in den Drogeriemarkt am Altonaer Bahnhof in den Abendstunden empfohlen, dort arbeitet nämlich eine Frau von so außergewöhnlicher Schönheit, daß man nichts anderes als gute Laune bekommen kann während man dort in der immer vorhandenen Schlange steht. Alles im Lot hier.
Hafenfähre als Abkürzung
Meta
Luise ist ausgepackt und nur mit schmalem Gepäck bestückt, nämlich
mit frischer Bettwäsche, Wasser und etwas Essen steht sie nun noch
den Oktober als Fluchtfahrzeug bereit, wenn der Großstadttrubel über
mir zusammenzubrechen droht. Ansonsten ist sie ohne ihren Hut
unterwegs und das eine Mal, als wir zusammen durch Hamburg fuhren,
war sie nicht wiederzuerkennen, Als hätte jemand ein Gummiband
hinten an ihr befestigt und dann losgelassen, sie ist ohne Gepäck
und Dachbox kaum zu bremsen und das ist gar nicht so gut, aber die
anderen Verkehrsteilnehmer bewahren uns davor, eine Reihe schöner
Schwarzweißphotos zu bekommen.
Vor mir liegt noch ein ganzer Monat zum rumtrödeln, Freunde treffen, langsam in der hiesigen Welt wieder ankommen und den letzten Eintrag hier zu schreiben, der da mit den Worten enden soll:
Tusen hjertelig takk, kjære Meta Luise. Du er best!!!!!!
Ein
merkwürdiger Tag bricht an, nämlich der letzte ganze Tag und zwar
beginnt der damit, daß es nachts gar nicht kalt wird im Auto stelle
ich fest. Es sind nahezu karibische Temperaturen, der Wecker zeigt
beim aufwachen 14 Grad an. Ich find es saugemütlich, habe
ausnahmsweise mal nicht das Bedürfnis, sofort den Motor anzumachen
und irgend wohin zu fahren nur um warm zu werden und denke mir so,
ja, wenn ich das öfter erlebt hätte, dann hätte ich vielleicht
auch nicht den Drang, nach Hause zu wollen. Wie dem auch sei, es gibt
Tee und eine ausgiebige Leserunde auf der Bank mit Blick auf die
Vögel, die übrigens erst sehr spät zu Bett gehen, so drang es
jedenfalls durchs geöffnete Fenster in mein Ohr.
Dann
fahre ich ein wenig an der Küste entlang und sehe mir die
Schiffssetzung Ales Stenar in Kåseberga
an. Das ist nicht die erste, die ich zu Gesicht bekomme, aber auf
jeden Fall die größte. Und ich bin auch nicht allein, relativ viele
Leute kommen und gehen und die Hinterlassenschaften von Rindern
dampfen noch, die Bande hat sich allerdings an den Strand verzogen
und wartet vermutlich darauf, daß die nervigen Touristen wieder
abdüsen.
So
mache ich mich auf den Weg nach Ystad, wo ich vor 5 Jahren schon mal
war. Inzwischen ist es wolkenfrei am Himmel und sonnig und einfach
toll. Ich bin ja skeptisch geworden, was das Wetter angeht,
insbesondere das gute, und ziehe nur zögerlich was aus, aber heute
muss ich. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wird runtergepellt bis
ich tatsächlich im T-Shirt durch die Stadt laufe!
Schwedisch ungewollter Wortwitz aus der untersten Schublade…
Die
letzten schwedischen Kronen haue ich in Secondhandläden auf den Kopf
und die allerletzten Krönchen werden in ein Eis investiert, daß
genußvoll auf dem Marktplatz in der Sonne verputzt wird. Es ist so
herrlich, es macht fast den Anschein als sollte ich überredet werden
noch zu bleiben. Ich sage mal so, hätte man mir diese Argumente auch
nur ein kleinen wenig häufiger vor Augen geführt, hätte ich
vielleicht die Rückreise noch gar nicht in Betracht gezogen, aber
jetzt ist es so und ich bin vom Gefühl auch schon fast zuhause und
freue mich drauf. Ich freue mich auf ganz Vieles, unter anderem freue
ich mich auf meinen Kleiderschrank, der mich mindestens bis
Weihnachten ausschließlich mit Röcken und Kleidern versorgen darf.
Ich will nicht eine Hose mehr sehen bis dahin und schon gar keine
Outdoorsachen!
Ich
mache mich auf den Rückweg und probiere mein Glück am Strand, ganz
übermütig denke ich, daß ich es tatsächlich heute noch schaffe,
den immer noch jungfräulichen Bikini einzuweihen. Aber nix da. Ich
zieh ihn zwar an und lege mich an den Strand. Teste schon mal die
Wassertemperatur mit den Füßen und beschließe, es wird nicht
schön, aber es könnte gehen. Ich leg mich nur mal kurz hin um
richtig warm zu werden und dann kühl ich mich ab. Ich habe, wie so
häufig, die Rechnung ohne den Wind gemacht. Kaum liege ich da, dreht
der nochmal richtig auf und macht, daß ich ein Kleidungsstück nach
dem anderen wieder anziehe. Ein trockener Bikini zu unterst, eine
Mütze schließt das ganze ab. Was soll es. Für den Bikini ist der
Sommer einfach nicht gut gelaufen, das soll vorkommen.
3 Minuten. Maximal.
Dafür ist der Parkplatz nur 10 Meter hinter dem Strand und den Dünen und an dieser Stelle nur mit ein paar Bäumen dazwischen, so daß ich heute vom Wellenrauschen in den Schaf gelullt werde, wie wunderbar.
Die
Nacht hinter dem Küstenwäldchen war ruhig und der neue Tag ruft. Es
ist zwar bewölkt, aber relativ windstill und so wird Kaffee am
Strand getrunken. Es ist früh, gerade mal hell und ich höre nur
Wellenrauschen und starre meditativ aufs Meer. Versuche, mir ganz
bewusst zu machen, daß ich ab nächster Woche ein ganzes Stück
dafür fahren muß und das Gefühl, direkt nach dem Aufstehen den
Kocher anzuwerfen und mit Schlafzeug unter der Daunenjacke am Strand
zu sitzen, bleibt einzigartig. Ich sauge alles nochmal in mich auf
und freue mich einfach nur, daß – aus welchen Gründen auch immer –
mir das alles zuteil wurde. Ab nächster Woche wird es laut. Ich
wohne in einer Kopfsteinpflasterstraße. Mit einem Kiosk gegenüber
und treuen Anhängern alkoholischer Getränke davor. Und die
dichteste S-Bahn-Station trägt den Namen „Reeperbahn“. Au weia.
So eine Art Kontrastprogramm bietet mein heutiger Schlafplatz: Ich stehe einige Kilometer weiter am Meer und bin wohl am Lieblingsort der Wasservögel gelandet. Ein Meer aus Kanadagänsen, Kormoranen, Stockenten, Reihern und diversen anderen schwimmt, watet, steht rum oder fliegt über die Ostsee. Die Gänse üben in Gruppen diverse Formationsflüge am Himmel, die jedes Schlepperballett am Hamburger Hafengeburtstag alt aussehen lassen und dabei machen alle Arten eins: ziemlich viel Ton. Es ist ohrenbetäubend, was dieser Haufen von sich gibt. Ich probe also schlafen bei offenem Fenster mit, nun ja, ich wage mich mal so auszudrücken: Lärmbelästigung. Wenn das keine Vorbereitung auf zuhause ist, dann weiß ich auch nicht…
Mittwoch
morgen sause ich aus Stockholm los, Öland heißt das Ziel. Öland
ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden und zack, bin ich
auch schon drüben. Ich habe die Nordspitze der in die Länge
gezogenen Insel anvisiert und es ist schon relativ spät, es wird
gerade noch für die Schlafplatzsuche und kochen reichen bevor es
dunkel wird. Ich finde einen Parkplatz direkt am Meer, den ich vorher
dank Google Maps erspäht habe und ignoriere ein Schild, was dort
keine Wohnmobile sehen will. Das ist Meta Luise ja bei Weitem nicht,
also Kocher raus und alles anziehen, denn es ist stürmisch. Das
hätte ich mir auch gleich denken können, schon beim rauf fahren auf
die Insel sieht man massenweise alte Holzwindmühlen, bestimmt bin
ich schon an dem einen Abend an 30 davon vorbeigefahren und das hat
wohl seinen Grund. Es briest. Doll. Na gut, die Sonne schickt sich
an, ganz phantastisch unterzugehen, ich koche und versuche nebenbei
trotz Windgeräuschen ein bißchen zu telephonieren und so
gleichzeitig das Sonnenuntergangserlebnis zu teilen. Als das Essen
aufgegessen ist, die Sonne nur noch einen roten Streifen am Horizont
hinterlässt, muss ich auch schon ins Auto, es ist zu kalt. Aber in
meinem Nicht-Wohnmobil ist es schön gemütlich, jetzt wo es endlich
wieder dunkel wird, kann ich meine Lichterkette anmachen und mich
über das Leben, die Reise und die gewonnenen Eindrücke freuen.
Und
wer mit der Dunkelheit ins Bett geht und damit sehr früh schläft,
der wacht auch früh auf und zwar sehr früh. So früh, daß man sich
in Ruhe überlegen kann, ob man nicht auch den Sonnenaufgang
betrachten will, denn ich bin fast an der Spitze von Öland und
einmal auf die Ostseite rüberzufahren geht ganz schnell. Gesagt,
getan, ich rolle auf den nächsten Parkplatz, der erst offiziell
Parken ab 7 Uhr erlaubt, aber wenn ich ne öländische Politesse
sehen sollte, mach ich ein Photo! Ich bin zum „Langen Erik“
gefahren, dem Leuchtturm der Landspitze und teile mir die
morgendliche Ruhe mit dort weidenden Schafen und sich putzenden
Kormoranen. Und dann geht sie auch schon auf, sehr hübsch. Vielen
Dank übrigens an diejenigen, die dieses Steinmännchen dort im
Wasser errichtet haben, das macht sich ja ganz ausgezeichnet auf dem
Bild!
Der
Tag fängt also an und ich erkunde die Insel ein wenig, heute ist ein
Sonnentag, aber wegen immer noch dollen Windes fühlt es sich leider
nicht sommerlich an, wenn man aber im Auto windgeschützt sitzt, dann
gerät man tatsächlich ins Schwitzen. Schwitzen, weil die Sonne
scheint, ganz ohne was zu tun, juhu!
Irgendwie kann ich meine Schlüssel nicht finden?!?
Nach meiner Inselerkundungstour fahre ich wieder aufs Festland, es ist eine schöne Insel, aber ich merke, ich habe eigentlich keine Lust mehr, Neues zu entdecken, ich freue mich inzwischen so auf Zuhause und um dort anzukommen, wird kurzerhand ein Fährticket gebucht und zwar für Sonntag. Jetzt ist es definitiv, das Abenteuer geht zu Ende und zwar noch diese Woche. Am Sonntag werde ich also in Trelleborg an Bord gehen und mich nach Travemünde schippern lassen, denn mein Abenteuer hat nichts weniger verdient als in meiner Herzensstadt Lübeck zu enden – so soll es sein!
Mein Weg im Laufe des Tages bringt mich auch schon nach Südschweden und so parke ich Meta Luise hinter einem Küstenwäldchen und mache einen ausgiebigen Strandspaziergang. Ein ewig langer Sandstrand, die Geräusche der Wellen klingen wie zuhause, der Grund der Ostsee sieht auch aus wie zuhause und ich merke, alles soll so sein, es ist einfach richtig, jetzt wieder nach Hamburg zu kommen. Was für ein überragendes Gefühl, so zufrieden zu sein und alles einfach an seinen Platz fallen zu lassen. Was bin ich doch für ein Glückspilz!