06.10.2019
Es ist geschafft: Seit nun mehr zwei Wochen bin ich wieder zuhause und Meta Luise kann sich zu Recht brüsten und mit stolz geschwellter Motorhaube verkünden, daß sie 11.718 Kilometer großartig zurückgelegt hat.
Die Rückfahrt verlief äußerst luxuriös. Auf der Fähre von Trelleborg nach Travemünde gab es zum krönenden Abschluß des Abenteuers nämlich ne Meerblickkabine, wovon ich aber den größten Teil in der Dusche zugebracht habe mit allem, was man da so machen kann. Und zwar ausgiebig. Am Liebsten doppelt. Wie schade, daß man nur 20 Nägel insgesamt hat. Aber Mittagsschlaf mit Blick aufs Meer ist auch nicht schlecht.

Und Deutschland gibt sich Mühe, bei der Einfahrt in Travemünde bin ich ganz touristisch ergriffen und innerlich silvestermäßig drauf mit oooooh-aaaaah wie schööön. Die Fahrt nach Hause auf einer echten Autobahn lässt mich allerdings schnell erahnen, in was ich hier hineingerate. Ich will der Verkehrssituation zugute halten, daß kein Stau war, aber zähfließender Verkehr und zwar mit so vielen Verkehrsteilnehmern, wie ich Menschen insgesamt in den letzten Monaten gesehen habe. Die Anfangszeilen des Silly-Songs „Höhle“ passen perfekt. Und auf der Autobahn beginne ich mit meiner Eingewöhnungsstrategie, die da lautet Verdrängung auf oberstem Niveau.
Es sind einfach zu viele Autos um mich, zu viel ist los und so schaffen Meta und ich das bis nach Hamburg, indem wir uns einreden, daß wir allein hier sind, alle anderen existieren nicht, kleiner Spaß auf meiner Netzhaut. Klappt ganz gut. Und dann gehts durch die Stadt. Anders geht es nicht. Zum Glück ist Sonntag Abend, es wäre mir werktags im Berufsverkehr nicht gelungen, das zu bewältigen. Und dann bin ich auch schon fast da, wir biegen in heimische Gefilde ein und auf St. Pauli sieht es doch so schön aus als wir um die Ecke kommen: Es ist ein lauer Sommerabend, ganz viele Leute sitzen draußen, schöne Stimmung und ich denke so etwas wie „Hach, wie schön, wieder hier zu sein.“ Die erste kümmerliche Gestalt, die nach übertriebenem Genuß fragwürdiger Substanzen dann allerdings vom Fahrradständer zu kippen droht läßt mich kurz zweifeln, ob es immer noch so toll ist hier, aber der Verdrängungsmechanismus greift und dann kommt das Hamburger Willkommensgeschenk: ein Parkplatz. Am Sonntag Abend. Eingefleischte wissen, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn sich einem so ein Anblick bietet… Seltsam, aber euphorisch saust Meta in die Lücke, auch sie hat es offenbar nicht vergessen, daß es in so einer Situation keine Freunde gibt. Rein. Motor aus. Freuen.
Bis man im zweiten Stock ankommt, dauert es auch, denn schon im ersten wird gehalten um mit der ersten Nachbarin zu plaudern, aber dann will ich doch mal in die Wohnung, deren Tür ich Mitte Mai hinter mir zuzog. Die beste Mitbewohnerin der Welt ist im Urlaub und so ist die Überraschung groß als eine Kinderriegelspur zum Küchentisch mit Willkommensgruß, Vollkornbrot (!) und Blumen führt und einer Abendessenköstlichkeit im Kühlschrank, wie sie besser nicht hätte sein können. Das ganze wird im dünnen Pullover auf dem Balkon verspeist und ich genieße meine Oase in der großen Stadt.
Die erste Nacht im eigenen Bett war allerdings nicht so dolle. Ich bin entwöhnt von alkoholbedingten Ständchen, von Hundegebell, von Rumgepöbel und cornerndem Volk. Ich wache gefühlt bei jedem Geräusch auf und noch im schlaftrunkenen Zustand versucht mein Gehirn die gehörten Töne einem passenden Geräusch aus der Natur zuzuordnen, was mißlingt und ich nehme an, das ist der Grund wieso ich so oft aufwache.
Am nächsten Tag das Unglaubliche: Es ist warm. Ich habe offene Schuhe an! Das erste (und einzige) Mal in diesem Jahr, aber immerhin! Und außerdem ziehe ich mir beim nächsten Nachbarinnenkaffeeklatsch auf dem Balkon einen Sonnenbrand zu, über den ich mich nicht weiter unterhalten möchte. Am 23. September kann man sich wohl nur verbrennen, wenn man vorher weit oben im Norden rumgedümpelt ist…
Das sonstige Einleben war und ist noch immer eigenartig, obwohl es besser wird jetzt, wo zwei Wochen hinter mir liegen. Zu Beginn hab ich tatsächlich gemerkt, daß es mich anstrengt, mehrere Stunden mit jemandem zu verbringen und einfach zu interagieren. So viel reden oder zuhören, das bin ich nicht gewohnt. Neue Regel für die ersten Tage: Eine Verabredung am Tag reicht aus. Und dann muß ich ja auch mal gucken, was so draußen los ist. Ich bummel also mal in altbekanntem Gebiet und merke auch da, daß es viel zu voll ist, viel zu viele Menschen sind um mich rum und um mich noch besser in eine kleine „Hier-bin-doch-nur-ich-Blase“ einzukapseln benötige ich unbedingt Kopfhörer sobald ich das Haus verlasse. Mit dank Spotify neu entdeckter Musik lässt sich alles viel besser ertragen und ich habe irgendwie eine Abgrenzung zu den anderen, wenn ich auch nicht ausschließen kann, daß ich ab und zu mitsinge. Aber was soll´s, hier gibt es so viele merkwürdige Gestalten, da fall ich nicht weiter auf.

Und so wird nach und nach alles entdeckt, auch per Rad. Mit beiden Rädern aus meinem Fuhrpark fühlt es sich so an, an würde jemand am Gepäckträger ziehen und sich mit den Hacken in den Boden stemmen, daß ich bloß nicht vorwärtskomme. Die erste Radtour musste abgekürzt werden und eine Elbfähre hat mich nach Hause gebracht, die Form hat gelitten und die Mitgliedschaft im Sportstudio ist schon am ersten Tag wieder erneuert, juhu. So entdecke ich auch alte Schlaglöcher, die seit Jahren drauf aus sind, Fahrradreifen zu fressen und sogar andere Stellen, die ich automatisch umfahre, die ausgebessert wurden, guck an! Auch die Frau im Drogeriemarkt am Bahnhof, die dort ab und an beim kassieren zu sehen ist, ist noch da und das ist schön, denn wer nämlich auf naturrote Haare bei Frauen steht, dem sei eine Tour in den Drogeriemarkt am Altonaer Bahnhof in den Abendstunden empfohlen, dort arbeitet nämlich eine Frau von so außergewöhnlicher Schönheit, daß man nichts anderes als gute Laune bekommen kann während man dort in der immer vorhandenen Schlange steht. Alles im Lot hier.

Meta Luise ist ausgepackt und nur mit schmalem Gepäck bestückt, nämlich mit frischer Bettwäsche, Wasser und etwas Essen steht sie nun noch den Oktober als Fluchtfahrzeug bereit, wenn der Großstadttrubel über mir zusammenzubrechen droht. Ansonsten ist sie ohne ihren Hut unterwegs und das eine Mal, als wir zusammen durch Hamburg fuhren, war sie nicht wiederzuerkennen, Als hätte jemand ein Gummiband hinten an ihr befestigt und dann losgelassen, sie ist ohne Gepäck und Dachbox kaum zu bremsen und das ist gar nicht so gut, aber die anderen Verkehrsteilnehmer bewahren uns davor, eine Reihe schöner Schwarzweißphotos zu bekommen.
Vor mir liegt noch ein ganzer Monat zum rumtrödeln, Freunde treffen, langsam in der hiesigen Welt wieder ankommen und den letzten Eintrag hier zu schreiben, der da mit den Worten enden soll:
Tusen hjertelig takk, kjære Meta Luise. Du er best!!!!!!