Ich brauche einen Plan und zwar einen neuen. Der ursprüngliche Plan, die Snøhetta einmal zu umrunden und einmal drauf zu kraxeln, hat sich irgendwie im Laufe der Nacht verflüchtigt. Es ist nämlich, ihr ahnt es schon, kalt. Arschkalt. Zu kalt zum zelten. Ich friere selbst in Meta, schlafe mit dickstem Wollpulli, drei Paar Socken und Wolldecke noch über der normalen Decke. So geht´s einigermaßen. Aber wenn ich mir überlege, ich soll bei 3 Grad nachts draußen zelten, kann ich kein Fünkchen Begeisterung mehr in mir finden.

Ist aber nicht alles schlecht, so ja nun auch nicht. Ich werde nämlich von einer Schafsherde geweckt, die links und rechts an Meta vorbeizuckelt und Gras mümmelt und mich mit ihren klingenden Glocken aufweckst. Ich muss zugeben, daß mich das sehr verwirrt hat, denn unter meiner Schlafbrille war ich fest der Überzeugung, ich würde zuhause in der Gilbertstraße wach werden, denn da hängen auf dem Balkon eben auch diese Schafsglocken und noch nie hat der Wind geschafft, die so fein erklingen zu lassen als hätte sie ein Schaf um den Hals. Ich wundere mich noch im Aufwachen, aber kaum ist die Schlafmaske aus meinem Gesichtsfeld, weiß ich wieder, was das alles soll. Prima! Nichts wie raus, es regnet nicht! Yeah. Ich will also raus und das trockene Wetter ausnutzen und die Prioritätenliste für alles, was ich außerhalb von Meta machen muss, führt gerade das Cello an. Noch im rauswinden aus Meta kommt mir ein Schwall so kalter Luft gepaart mit Wind entgegen, daß ich wohl mal nen Blick aufs Thermometer werfe: Okay – 6 Grad. Mir ist kalt, vor allen an den Fingern, das Cello bleibt drin. Ich weiß nicht genau, wie es 6 Grad Außentemperatur findet, ich lass es mal lieber weiter in seinem schönen Köfferchen vor sich hinmuckeln, schade. Dann mach ich eben Frühstück und das ganze mit Handschuhen. In guter norwegischer Manier, man, kann es denn wahr sein?

Pünktlich zu den letzten Zügen des Frühstücks fängt es an zu regnen und ich starre beleidigt auf die Wetterapp, die das mit keiner Silbe erwähnt. Nun ja, es bringt alles nichts, außerdem ist es kalt, ich fahre mal den nächsten Zeltplatz angucken, denn ich muss Wasser auffüllen und könnte mir den als Anlaufstelle für heute Abend vorstellen, ich würde nämlich gern mal duschen. Dort erfahre ich, daß man wegen Corona nen Mindestaufenthalt von 4 Tagen haben muss. Hm, ungünstig. Caravans dürfen die Sanitärgebäude gar nicht nutzen, ich dürfte, aber eben nur bei 4 Nächten. Das Duschen und der Campingplatz fällt schon mal aus. Auch dafür muss ein neuer Plan her…

Dem Regen und auch der hygienischen Hiobsbotschaft zum Trotz fahre ich mal nach Kongsvoll, einem Hauch von Nichts mit einem eigenen Bahnhof und einem Berggasthof mit Hotel. Hier wollte ich ursprünglich mal die Rundtour starten, mache mich nun aber auf den Weg auf eine kleine Wanderung auf den Fährten der Moschusochsen. Ich soll Abstand halten, will ich ja auch unbedingt, schön wäre, wenn die das auch wollen. Dann mal los. Es geht am Bahnhof vorbei mit wohl dem schönsten Bahnhofsgebäude, was ich kenne. Ich finde, das muss es doch als Miniaturbahnhof geben für Modellbahnliebhaber, oder?


Ich hatte ursprünglich den Plan gefasst, die ganze Wanderung über vor mich hin zu singen, damit wenigstens die Moschusrinder schon mal Bescheid wissen, daß da jemand kommt und nur ich mich erschrecke, aber mein Stimmchen versiegt schnell und geht in keuchendes, kollaptisches Gejapse über. Es geht steil los und ich bin in schlechter Form, ich keuche nur noch, das muss dann eben auch reichen um das Großvieh zu warnen. Aber ich sehe eh keins, habe sogar mein Fernglas bei, aber nur einmal entdecke ich etwas, was aber so weit weg ist, daß ich selbst durchs Vergrößern nicht sicher bin, ob das was ist, ich bilde mir ein, es hätte sich bewegt und damit kann ich mir jetzt aussuchen, ob ich eins gesehen hab oder nicht. Ich bin für: vermutlich ja. Wenn die so weit weg sind, besteht ja gar kein Grund zur Sorge. Inzwischen bin ich etwas eingelaufen und hab auch Spaß an der Landschaft, so schöne Weite und sonst nichts. Aber Pausen gibt es nicht, es bläst ein eisiger Wind, die Handschuhe verschmelzen schon mit meinen Händen, ich setz mal noch ne Kapuze mehr auf und mache mich nach drei Stunden auf den Rückweg.


An Meta angekommen ist mir so eisekalt, daß ich fahren muss. Eigentlich müsste ich nirgendwo hin, denn ich bin ja schon da, wo ich sein will, aber heißen Tee trinken bringt gefühlt gar nichts, ich friere, also fahre ich eben und lass mich warmpusten. Und wo es schon mal nicht mehr regnet, jedenfalls nicht erwähnenswert, fahre ich nach Hjerkinn, dort gibt es einen echt aufwändig und schönen gemachten Aussichtspunkt auf die Snøhetta, ein schniekes Holzgebäude mit Glasfront und Kamin und drinnen ist es soooo warm! Wegen Corona auch mit «Einlasser» und nem Desinfektionsmittelspender. So schön die Hütte ist, der Gipfel hängt in Wolken und lässt sich nicht blicken, ich muss mir einen Plan machen, ob ich wirklich da hoch oder auch rund rum muss. Unlängst erfuhr ich nämlich folgenden Kommentar, nachdem ich meine Urlaubspläne bekannt gab: «Du weißt schon, daß Du das nicht machen musst, ne?» Irgendwie so war es und ich dachte mir noch so «Mädels, ihr habt doch keine Ahnung, was gut ist.» Ich bin so weit, einzuräumen, daß die Mädels vielleicht sogar besser wissen, was gut ist und was nicht… Ich hab Lust auf ein paar Grad mehr, Sonne dürfte von mir auch aus sein. Ich mach für heute Schluß und tüftele was aus.



